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Kurz, knackig, schnell geschnitten. Jahrelang war das die Formel für Social Media Content. Seit 2026 gilt sie nicht mehr uneingeschränkt.

Instagram Reels dürfen inzwischen bis zu 20 Minuten lang sein, TikTok erlaubt Videos bis zu zehn Minuten. Gleichzeitig hat sich verändert, woran Erfolg gemessen wird. Likes spielen für den Algorithmus kaum noch eine Rolle. Entscheidend ist, wie oft ein Beitrag per Direktnachricht weitergeschickt wird.

Für Unternehmen, die auf Social Media sichtbar sein wollen, ist das mehr als eine technische Randnotiz. Es verändert, wie Content geplant und bewertet werden sollte.

Was sich konkret verändert hat

Lange galt: je kürzer das Video, desto höher die Completion Rate, und genau die hat der Algorithmus belohnt.

Kurzer Factcheck: Completion Rate = Wie viele Personen einen Inhalt bis zum Ende angesehen oder abgeschlossen haben.

Seit 2026 werden aber auch längere Reels aktiv an Personen ausgespielt, die einem Account noch nicht folgen, solange sie bis zu drei Minuten lang sind.

Diagramm: Entwicklung der maximal erlaubten Reel-Länge auf Instagram bis 2026
Abb. 1: Entwicklung der maximal erlaubten Reel-Länge auf Instagram. Eigene Darstellung. Datenbasis: Sprout Social (2026).

Parallel dazu hat Instagram-Chef Adam Mosseri bereits 2024 klargestellt, dass Likes für das Ranking kaum noch zählen. Wichtiger sind sogenannte Sends per Reach, also wie oft ein Inhalt per DM weitergeschickt wird. Ein Share gilt dabei als drei- bis fünfmal wertvoller als ein Like, wenn es darum geht, neue Zielgruppen zu erreichen. Schätzungen zufolge werden allein auf Instagram jede Minute rund 694.000 Reels per Nachricht verschickt.

Diagramm: Relative Gewichtung von Interaktionssignalen im Instagram-Algorithmus
Abb. 2: Relative Gewichtung von Interaktionssignalen im Instagram-Algorithmus. Eigene Darstellung. Datenbasis: Adam Mosseri (Instagram), zitiert u. a. in Dataslayer (2026) und Later (2026).

Warum Teilen wichtiger ist als Liken

Der Marketingforscher Jonah Berger hat das Teilverhalten von Inhalten über Jahre untersucht und in seinem Modell STEPPS zusammengefasst. Ein Faktor daraus erklärt den aktuellen Trend besonders gut: Social Currency. Menschen teilen Dinge, die sie selbst gut aussehen lassen oder als informiert darstellen. Ein Share ist damit nie eine neutrale Handlung, sondern immer auch eine kleine Aussage über die eigene Person.

Das erklärt auch, warum Plattformen Shares höher gewichten als Likes. Ein Like kostet fast nichts. Ein Share an eine konkrete Person ist eine bewusste Entscheidung und damit ein deutlich stärkeres Signal für echte Relevanz.

Was das mit unserer Aufmerksamkeit macht

Mehrere Studien der letzten Jahre zeigen einen Zusammenhang zwischen intensiver Kurzform-Video-Nutzung und einer sinkenden Fähigkeit, sich länger auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Das Gehirn kann nur begrenzt viel Information gleichzeitig verarbeiten, und die schnelle Abfolge kurzer Clips trainiert eine Aufmerksamkeit, die auf Tempo ausgerichtet ist, nicht auf Ausdauer.

Daraus ergibt sich ein Vorteil für Marken, die es schaffen, Menschen über mehrere Minuten bei der Stange zu halten. Wer das kann, signalisiert dem Algorithmus echtes Interesse statt eines kurzen Reizes.

MrBeast als Beispiel für beides

Jimmy Donaldson, bekannt als MrBeast, zeigt gut, wie sich beide Prinzipien kombinieren lassen. Seine YouTube-Videos sind oft über zehn Minuten lang und nach einer Logik aufgebaut, die er selbst „crazy progression" nennt: Die Einsätze werden von Minute zu Minute größer, um Zuschauer:innen über die volle Länge zu halten.

Gleichzeitig schneidet sein Team gezielt kurze Clips aus diesen langen Videos, um neue Zuschauer:innen auf TikTok oder Instagram zu erreichen. Erfolgreiche Creator:innen extrahieren im Schnitt fünf bis zehn Kurzclips aus jedem Langform-Video. Der kurze Clip liefert den Grund zum Teilen, das lange Video liefert danach die Tiefe.

Screenshot: Kanalseite von MrBeast auf YouTube mit aktuellen Video-Thumbnails
Abb. 3: Kanalseite von MrBeast auf YouTube mit aktuellen Video-Thumbnails. Screenshot vom 23.06.2026. Quelle: YouTube / MrBeast (2026). URL: youtube.com/@MrBeast

Wo der Trend an seine Grenzen stößt

Länger ist nicht automatisch besser. Aktuelle Daten zeigen weiterhin, dass die optimale Länge für maximale Reichweite oft im Bereich von 15 bis 45 Sekunden liegt. Längere Formate funktionieren vor allem dann, wenn bereits Interesse oder eine bestehende Bindung an Thema oder Person besteht, nicht als Standardrezept für jeden Inhalt.

Es gibt auch ein Risiko: Wenn Länge als Qualitätssignal missverstanden wird, entsteht der Anreiz, Inhalte künstlich zu strecken, ohne dass mehr Substanz dahintersteckt. Das funktioniert nicht. Weder ein gestrecktes Video noch ein erzwungener Share überzeugen, wenn der Inhalt selbst nichts hergibt.

Was das für eure Social-Media-Strategie bedeutet

Für die Praxis heißt das vor allem eines: Die Frage ist nicht mehr, wie kurz ein Beitrag sein muss, sondern ob er gut genug ist, damit ihn jemand aktiv weiterschickt. Konkret bedeutet das:

Content, der Wissen vermittelt, eine Meinung zeigt oder jemanden gut aussehen lässt, wenn er ihn teilt, hat aktuell die besten Karten. Reine Unterhaltung ohne Mehrwert wird eher geliked als geteilt.

Länge sollte sich nach dem Thema richten, nicht nach einem Trend. Ein Erklärformat oder eine Fallstudie kann von mehr Zeit profitieren. Eine schnelle Botschaft bleibt bei 15 bis 45 Sekunden meist stärker.

Wer längeren Content produziert, sollte parallel kurze Ausschnitte daraus schneiden. Der kurze Clip bringt Reichweite, das lange Format sorgt für Tiefe und Bindung.

Reporting sollte sich anpassen. Wer weiterhin nur auf Likes schaut, bewertet Content nach dem falschen Maßstab. Shares und Sends per Reach gehören in jedes Monatsreporting.

Quellen

Sprout Social (2026), Later (2026), Dataslayer (2026), Jonah Berger: Contagious (2013), Ophir/Nass/Wagner (2009), Parry/le Roux (2021), ProTunesOne (2025), OpusClip Blog (2026).

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